You are using an outdated browser. For a faster, safer browsing experience, upgrade for free today.

Geschichte im Wandel: Die Erinnerung der Revolution


Geschichte ist nicht gleich Geschichte. Um ihre Bedeutung wird gestritten und gefeilscht. So auch um die Erinnerung an die revolutionären Ereignisse von 1918-1923. In der DDR und der BRD war und wird das Erinnern an die Vergangenheit von den sozialen, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen der jeweiligen Gegenwart geprägt.

Erinnerung in der DDR

Die Geschichtswissenschaft ist für die Legitimation des Herrschaftsanspruchs der SED von Interesse und unterliegt deswegen in Teilen dem Einfluss der Staatspartei. Die Bewertung der Ereignisse von 1918/19 und der darauffolgenden revolutionären Aufstände bleibt davon nicht unberührt. Das Verhältnis zu diesen ist ambivalent. Einerseits sind sie der Gründungskontext der KPD, andererseits ist die deutsche Revolution aus kommunistischer Perspektive, im Vergleich zur Oktoberrevolution in Russland, gescheitert. Unter Walter Ulbricht, der sich auf Stalin bezieht, wird der Kompromiss gefunden in der Historiographie von einer „bürgerlichen Revolution mit proletarischen Mitteln“ zu sprechen. Zu Zeiten Erich Honeckers ist von den „proletarischen Mitteln“ dann keine Rede mehr. In beiden Fällen steht die Kritik am verräterischen Handeln der rechten Führer der Sozialdemokratie sowie die positive Bezugnahme auf Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Fokus. Der offiziellen Interpretation nach sei es den rechten SPD-Führern gelungen – trotz der Bemühungen des Spartakusbundes, den Weg Richtung Sozialismus zu weisen – die Räte für sich zu gewinnen und damit die Entstehung einer bürgerlichen Klassengesellschaft zu begünstigen. Als wichtigste Errungenschaft wird die Gründung der KPD betrachtet. Die Gründung der Weimarer Republik hingegen gilt – anders als in der BRD – nicht als Erfolg, sondern als Niederlage, weil sie den Weg in eine kommunistische Zukunft verstellt. Nur eine marxistisch-leninistische Kaderpartei hätte dem Proletariat zum Sieg verhelfen können. Mit der Gründung der DDR seien die Ziele der revolutionären Arbeiter*innen endlich erfüllt worden. Erich Honecker dazu: „Das Werden und Wachsen unseres sozialistischen Staates deutscher Nation ist das erfüllte und lebendige Vermächtnis der revolutionären Novemberkämpfe von 1918.“ Ob die revolutionären Erhebungen als „sozialistisch“ oder „bürgerlich-demokratisch“ bewertet werden, hängt in der DDR schlussendlich nicht von den Träger*innen dieser ab, sondern von dem Ergebnis. Erst in den letzten Jahren vor dem Mauerfall werden die zulässigen Interpretationen der Revolution vielfältiger.

Erinnerung in der BRD

Während der Nachkriegsjahre ist die Beurteilung der Revolution in der BRD oft durch die Angst vor dem Bolschewismus und die Ablehnung des Sozialismus geprägt. 1918/19, so der Tenor, sei es darum gegangen, ob die Revolution in eine proletarische Diktatur oder eine parlamentarische Republik im Bündnis mit den abgesetzten konservativen Machthaber*innen münde. In den 1960er Jahren beginnen Historiker*innen das demokratische und emanzipatorische Potenzial der linken Arbeiter*innenräte hervorzuheben. Auch die Rolle der Sozialdemokrat*innen wird nun zunehmend kritisch hinterfragt und mögliche Handlungsalternativen der Mehrheitssozialdemokratischen Partei (MSPD) werden diskutiert. Es wird berücksichtigt, dass der Ausgang vieler revolutionärer Ereignisse zwischen 1918 und 1923 nicht immer feststand. Seit den 1980er Jahren und in der Nachwendezeit findet die Revolution wenig bis gar keine Beachtung. Die neue Offenheit, die sich in der Historiographie der DDR abzeichnet, findet ein jähes Ende.

Heute ist die Revolution vor allem eine Projektionsfläche unerfüllter Wünsche und Hoffnungen, aber auch vieler Zweifel und Ungewissheiten. Das 100-jährige Jubiläum führt zu vermehrter Aufmerksamkeit gegenüber dem Novemberkomplex und den Jahren 1918-1923. Das Spannungsfeld, welches sich zwischen der demokratiegeschichtlichen und der diktaturgeschichtlichen Deutung öffnet, bietet nach wie vor viel Diskussionsstoff.

die naTo e.V. 2020