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Feste und Feiern


Massenkundgebungen und das 1. Deutsche Arbeiter-Turn- und Sportfest

Infolge der Revolution wird es den Arbeiter*innen möglich, ihre Feierlichkeiten ins Leipziger Zentrum zu tragen. Massenkundgebungen zum 1. Mai und parteipolitische Großveranstaltungen von USPD und KPD finden nun nicht mehr ausschließlich in Gaststätten, sondern auch auf dem Augustusplatz und anderen öffentlichen Plätzen statt. Nachdem sich Leipzig schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer Hochburg des Arbeiter*innensports entwickelte, wird es im Juli 1922 Austragungsort des 1. Deutschen Arbeiter-Turn- und Sportfests. Vor allem auf dem offiziellen Festgelände, heute das Areal der Alten Messe, aber auch auf dem Augustusplatz werden Freiübungen mit massenhafter Beteiligung abgehalten. Zu den praktizierten Disziplinen gehören neben den Turnwettbewerben unter anderem auch Fußball, Radsport und Ringen. 100.000 Teilnehmer*innen aus über 15 Ländern, für die in eigener Regie und in Zusammenarbeit mit dem Volkshaus erschwingliche Unterkünfte und Verpflegung bereitgestellt werden, kommen für das Fest in die Stadt. Diese bemerkenswerte Form der Völkerverständigung stellt kurz nach dem Ersten Weltkrieg ein Novum dar.

Die Universität und das Bürgertum in der Revolution

Die Universität Leipzig ist ein Zentrum des bürgerlich-konservativen und meist nationalistischen Lagers, welches sich vehement gegen die Revolution stellt. So protestieren die fast ausschließlich männlichen Studierenden und Professoren gegen das vom Arbeiter- und Soldatenrat angeordnete Hissen der roten Fahne auf dem Augusteum. Noch im November 1918 holen sie das Symbol der Revolution ein und hissen stattdessen die Flagge der Universität. Die kontroverse Auseinandersetzung hat den Rücktritt des Universitäts-Rektors zufolge. Nur vereinzelt gibt es sozialistische Gruppierungen unter den Studierenden und selten teilen Dozierende die liberalen Werte der jungen Republik.

Generell erholt sich das Leipziger Bürgertum schnell vom ersten Schock über den revolutionären Umsturz. So beweist das kommunale Beamtentum eine zähe Beharrungskraft, verhindert die vollständige Eroberung des Rathauses durch den Arbeiter- und Soldatenrat und beschränkt regelmäßig dessen sozialistischen Gestaltungswillen. Generell fällt den Bürger*innen eine Anpassung an die neuen Verhältnisse nicht schwer: ihre Löhne werden weitergezahlt und die meisten ihrer Privilegien bleiben unangetastet, sie feiern eigene Feste und dominieren weiterhin die etablierten kulturellen Veranstaltungen und Institutionen. Um all dies vor einer befürchteten radikalen Umstrukturierung zu schützen, werden selbst proletarische Organisationsformen vom Bürgertum übernommen. Während sich die Arbeiter*innen im Frühjahr 1919 in einem Generalstreik für die gesetzliche Verankerung der Arbeiter- und Soldatenräte und der Betriebsräte als Vorstufe der Vergesellschaftung der Großbetriebe befinden, stellt das bürgerliche Lager eigene Räte auf und organisiert einen bürgerlichen Gegenstreik. Neben den Verwaltungsbeamten beteiligen sich Apotheker*innen, Ärzt*innen, Lehrer*innen, Handwerker*innen und weitere Berufsgruppen an diesen für sie außergewöhnlichen Mitteln. Währenddessen werden nicht nur die Gehälter der Beamt*innen vorzeitig von der Stadt ausgezahlt, den streikenden Arbeiter*innen werden sie verweigert.

Die Leipziger Messe erlangt Weltbedeutung

Wegen Platzmangel in der Leipziger Innenstadt erhält die 1918 erstmals stattfindende Technische Messe und Baumesse einen dauerhaften Ort auf dem heutigen Alten Messegelände. Nachdem hier bereits im Jahre 1913 die Internationale Baufach-Ausstellung veranstaltet wird, werden zur Frühjahrsmesse 1920 am neuen Ausstellungsort die ersten drei Gebäude der Technischen Messe eingeweiht. Mit dem internationalen Erfolg im Laufe der 20er Jahre wächst das Messegelände rasch, bis 1928 entstehen insgesamt 17 Hallen. Jedoch fehlt es der Leipziger Messe seit Kriegsende im Stadtzentrum weiterhin an Platz, schon 1919 kann vielen Ausstellenden kein Messestand mehr zugeteilt werden. Die „Reklameburg“ wird ins Leben gerufen – eine zu jeder Messe provisorisch aufgebaute Holzhalle, die sich nahezu über den gesamten Markt erstreckt und charakteristisch mit Werbetafeln versehen wird. Der Stadtrat befristet schließlich das störende und für Messebedürfnisse unzulängliche Aufbauen der Reklameburg bis zum Jahr 1924, woraufhin die Ausstellenden auf eine Lösung drängen. So wird zur Frühjahrsmesse 1925 nach nur einem Jahr Bauzeit das erste Untergrundmessehaus der Welt mit einer Ausstellungsfläche von 1800 Quadratmetern unterm Leipziger Markt eröffnet.