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Kneipe und Kleingarten


Die Kneipe zwischen Voraussetzung und Verhängnis für die Arbeiter*innenbewegung

Seit Entstehung des Kaiserreichs sind Kneipen für die Leipziger Arbeiter*innen die wichtigsten Orte für Geselligkeit, Kommunikation und politische Öffentlichkeit. Sie dienen als alternatives Wohnzimmer und stellen Gesangs-, Bildungs- und Turnvereinen die notwendigen Räumlichkeiten zur Verfügung. Durch sie werden Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl, Berufs- und Nachbarschaftsbeziehungen manifestiert und reproduziert. Die Kneipen tragen durch die in ihnen dominierenden kollektiven Verhaltensmuster dazu bei, soziale Identität zu definieren und zu konstituieren. Bis zur Fertigstellung des Leipziger Volkshaus-Gebäudes in der heutigen Karl-Liebknecht-Straße im Jahre 1906 und der feierlichen Einweihung des Erweiterungsbaus am 1. Mai 1923 mit über 40.000 Teilnehmer*innen ist das Treffen in Kneipen und größeren Gaststätten auch für gewerkschaftliche und sozialdemokratische Organisation eine Voraussetzung.

Doch die Kneipe ist keine unproblematische soziokulturelle Institution. Obwohl Frauen nicht gänzlich aus der männlich dominierten sowie eingeschränkt öffentlichen Sphäre der Kneipe ausgeschlossen sind und als Wirtinnen des Öfteren sogar wichtige Positionen einnehmen, bleibt ihnen meist die Möglichkeit zur Partizipation vorenthalten. Das patriarchale Geschlechterverhältnis wird hierdurch stabilisiert und die Frauen als wichtigste potenzielle Komplizinnen ausgeschlossen. Ebenso ausgegrenzt werden all jene, die der Arbeiter*innenbewegung kritisch oder feindselig gegenüberstehen oder nicht mit den spezifischen Verhaltensmustern der Kneipen vertraut sind.

Leipziger Gaststätten in der Revolution

Während der Revolutionszeit dienen Gaststätten als Versammlungsorte der revolutionären Gruppen, als Informationsbörsen und als Poststellen. Bereits im April 1917 treffen sich 10.000 streikende Metall- und Rüstungsarbeiter*innen im „Brauereigarten“ in Stötteritz. Sie gründen hier den ersten deutschen Arbeiter*innenrat. Im Winter 1918/19 findet die revolutionäre Matrosenkompanie ihr Quartier im „Tivoli“ in der Windmühlenstraße und im „Deutschen Haus“ trifft sich im Dezember 1918 der Große Arbeiter- und Soldatenrat, auch im „Centraltheater“ werden Sitzungen abgehalten. 1919 bietet die „Katerschenke“ in der heutigen Merseburger Straße der Freien-Sozialistischen Jugend ein Lokal. Der „Goldene Stern“ in der heutigen Bornaischen Straße ist im März 1920 Standquartier gegen den Kapp-Putsch und zwischen 1920 und 1930 findet die neu gegründete Rote Hilfe ihren Sitz im „Metropol“ in der Gottschedstraße. Am 14. Mai 1920 spricht die Frauenrechtlerin und kommunistische Politikerin Clara Zetkin im Plagwitzer „Felsenkeller“ und die „Himmelsleiter“ in der heutigen Industriestraße ist während der Märzkämpfe 1921 zentrale Kurierstelle.

Neue freie Zeit

Durch das revolutionäre Erkämpfen des Achtstundentags und des Urlaubsanspruchs werden neue Freizeitaktivitäten möglich. Der nun längere Feierabend und das um den Samstagnachmittag erweiterte Wochenende machen Erholung und Vergnügen zum alltäglichen Bedürfnis. Auch die Zunahme an Mobilität und die Verbesserung der Wohnverhältnisse verändern in der Weimarer Republik allmählich die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Kinobesuche, Ausflüge ‚ins Grüne‘ und Kleingartentätigkeit erfreuen sich großer Beliebtheit. Die Kleingärten werden zu einem Mittelpunkt des Lebens nach dem Feierabend. Leipzig ist die Hochburg des Kleingartenwesens: 1923 existieren 114 Kleingartenvereine mit über 25.000 Mitgliedern. Eigene Vereinshäuser und gesellige Abende bestimmen das Bild der Kleingärten. Damit bilden sie für Arbeiter*innen einen Gegenpol zur entfremdenden Fabrikarbeit.