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Kunst und Kultur


Die Revolution und der kulturelle Aufbruch

Viele Künstler*innen und Kulturschaffende stellen sich in den Dienst der Revolution und setzen ihre Visionen von einer besseren Gesellschaft kreativ um. Mit der Weimarer Republik entstehen das Bauhaus und die neuen künstlerischen Strömungen der Moderne. Doch die kulturelle Bildung und Betätigung findet nicht nur in bürgerlichen und künstlerischen Kreisen statt. In dem Maße, wie die stufenweise Herabsetzung der Wochenarbeitszeit erkämpft wird, wachsen die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung auch für Arbeiter*innen rasant an. Im Kaiserreich ist die sportliche und zunehmend auch kulturelle Betätigung für Arbeiter*innen noch auf die Sonntage beschränkt und dient während der Zeit des Sozialistengesetzes vor allem der verbotenen Parteiorganisation unter dem Deckmantel der geselligen Zusammenkunft. Doch nach der Aufhebung des "Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" 1890 und mit dem revolutionären Aufbruch ab 1918 erfahren Leipziger Arbeiter*innenbildungsvereine und die Organisation der Arbeiter*innenkultur eine Blüte, mit der sich Bildungsangebote speziell für Arbeiter*innen zusehends auf den Feierabend und auf nahezu jeden Zweig der Kultur ausdehnen.

Ein Silvesterkonzert zur Feier der Revolution

Der politischen folgt eine kulturelle Umwälzung, die sich in Leipzig exemplarisch am Übergang des Jahres 1918 zu 1919 zeigt. Trotz bürgerlicher Proteste wird im Krystallpalast auf Initiative des Leipziger "Arbeiter-Bildungs-Institut" ein Silvesterkonzert zur Feier der Revolution gegeben. Vor zweieinhalbtausend Menschen, überwiegend Arbeiter*innen, spielen das Gewandhausorchester und städtische Chöre Beethovens "Neunte" und begrüßen das erste Jahr des Friedens. Pünktlich um Mitternacht setzt der Schlusschor mit der Ode "An die Freude" an. Dieser Erfolg wird selbst von der bürgerlichen Presse gewürdigt und begründet die bis heute lebendige Tradition der Neujahrskonzerte.

Kultur für alle!

Dank des organisatorischen Talents der Arbeiterbildungsvereine werden immer mehr Arbeiter*innen und Angestellte an die sogenannte "hohe Kunst" herangeführt. Die Volksbühnenbewegung veranstaltet eigene Aufführungen im Leipziger Volkshaus, der zentralen Kulturinstitution und dem "Heiligtum" der Leipziger Arbeiter*innen. Selbst in den großen bürgerlich-städtischen Häusern werden nun vermehrt Theater- und Musikveranstaltungen vor einem proletarischen Publikum gezeigt. So organisiert das 1907 gegründete Arbeiterbildungsinstitut zwischen 1919 und 1923 über 75 Konzerte im Gewandhaus, die von mehr als 85.000 Arbeiter*innen besucht werden. Das Konzerthaus der Messestadt gilt bis dahin als Inbegriff der bürgerlichen Kultur, das vormals ausschließlich einem bürgerlichen Publikum offen stand. Wenngleich die Öffnung des Gewandhauses für Arbeiter*innen einen hohen symbolischen Wert für die Integration in die Welt der "hohen" Kunst und Kultur besitzt, ist der Graben zwischen bürgerlichen und proletarischem Milieu damit noch lange nicht überbrückt. Denn das Gewandhaus ist den Arbeiter*innen nur in geschlossenen Veranstaltungen und separiert vom Bürgertum zugänglich, während es dem Bürgertum zu allen Tagen offen steht. Ferner kann die Öffnung der bestehenden kulturellen Einrichtungen für Arbeiter*innen nicht darüber hinwegtäuschen, dass das angestrebte Ziel der Schaffung einer spezifisch proletarischen Kunst und Sub- oder Gegenkultur durch die Arbeiter*innen selbst verfehlt wird. Vielmehr besteht die herausragende Leistung der verschiedenen Arbeiterbildungsinitiativen und -organisationen in der Vermittlung der "hohen Künste" und der Integration der Arbeiter*innen in die bürgerliche Kultur.

Von den Arbeiterbibliotheken zur Volkshochschule

Nicht nur auf dem Gebiet der Musik und des Theaters feiert die sozialdemokratische Erwachsenenbildung Erfolge, auch die Vermittlung von politischem und wirtschaftlichem Wissen erreicht in der Messestadt einen weiteren Höhepunkt. Neben der zentralen Arbeiterbibliothek im Volkshaus und den bereits bestehenden über 50 SPD-Bibliotheken im gesamten Stadtgebiet entstehen seit Kriegsbeginn immer mehr der sogenannten "Bücherhallen", die den Angehörigen aller Klassen offenstehen. Neben den Volksbibliotheken bilden diese die Vorläufer der heutigen Stadtbüchereien. Gemeinsam mit der 1922 gegründeten Volkshochschule entsteht damit eine parteiübergreifende und demokratische Erwachsenenbildung, die als "Leipziger Richtung" der Volksbildungsarbeit bezeichnet wird und in Deutschland ihresgleichen sucht.