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Frauen in der deutschen Revolution


Das weibliche Gesicht der Revolution

Erinnert man heute an die Protagonist*innen der Revolution von 1918/1919, so fallen vor allem die Namen männlicher Politiker, Revolutionäre und Vorreiter. Im besten Fall gedenkt man der großen Namen und herausragenden Frauen wie Rosa Luxemburg oder ihrer Freundin und Anführerin der sozialistischen Frauenbewegung Clara Zetkin. Doch es sind Abertausende von zumeist namenlosen Frauen, die Geschichte machen und die Revolution tragen. Nicht nur proletarische, sondern auch bürgerliche Frauen beginnen gemeinsam in allen Städten und auf fast allen Ebenen der Politik tätig zu werden: angefangen bei den kommunalen Arbeiterräten und Bürgerausschüssen, über die Gewerkschaften und Betriebsräte bis hin zu den Frauenverbänden. Als rebellierende Kriegerfrauen, Mehrzahl der Wähler*innen, Delegierte, Revolutionärinnen und Schriftstellerinnen sowie als Pazifistinnen, Sozial- und Sexualreformerinnen prägen sie das weibliche Gesicht der Revolution.

Unruhe an der "Heimatfront"

Es bedarf nicht erst der deutschen Revolution, um klarzumachen, dass die Politik glücklicherweise keine reine Männersache mehr ist. Bereits 1865 wird der Allgemeine Deutsche Frauenverein in Leipzig gegründet und markiert damit den Beginn der organisierten deutschen Frauenbewegung. Zentrale Forderung dieses ersten und überregionalen Frauenvereins, dem viele Neugründungen auf lokaler Ebene folgen werden, ist die Geschlechtergerechtigkeit in der Bildung und den Betrieben. Spätestens die Abwesenheit der männlichen Beschäftigten in den Kriegsjahren führt dazu, dass viele Frauen eine bis dahin oftmals verwehrte Berufstätigkeit aufnehmen. Wenngleich immer mehr Frauen in klassische "Männerberufe" in den Fabriken, der Rüstungsindustrie, den Verwaltungen und Behörden gelangen, zeigt sich schnell, dass es sich um einen zeitlich beschränkten und deutlich geringer entlohnten "Dienst an der Heimatfront" handelt, um die Industrie in Gang zu halten. In der Folge ist der Alltag der Frauen durch eine Doppelbelastung geprägt, die aus der unentlohnten familiären Hausarbeit und einer schlecht vergüteten Erwerbsarbeit resultiert.

Verschärft durch eine um sich greifende Lebensmittelknappheit kommt es 1916 und 1917 in Lindenau und dem Leipziger Osten vermehrt zu Hungerrevolten und Lebensmittelunruhen, die vor allem von Frauen und Jugendlichen getragen werden. Diese können nur durch einen massiven Militär- und Polizeieinsatz und die Verhaftung von über 100 Frauen und Jugendlichen beendet werden. Auch andernorts kommt es in Deutschland und Österreich zu Plünderungen von Geschäften und Demonstrationen mit Sachbeschädigungen durch proletarische Hausfrauen und Arbeiter*innen. Im Jahr 1917 wachsen die lokal begrenzten Unruhen sogar zu einem Massenprotest an, in dem sich der Unmut über die geringe Entlohnung und die schlechte Lebensmittelversorgung mit der Sorge um den Familienerhalt und der Forderung nach Beendigung des Krieges verbindet. So streiken ca. 400.000 Munitionsarbeiterinnen und Munitionsarbeiter in Berlin, Leipzig und anderen Städten für Brot und Frieden. Auch bei diesen als "April-" oder auch "Brotstreiks" bekannten Protesten sind es vor allem Frauen, die durch ihr Aufbegehren gegen die genannten Missstände die "Heimatfront" zum Bröckeln bringen und ihre soldatischen Ehemänner demoralisieren. Wenngleich diese spontanen und organisierten Proteste vor allem aus den prekären privaten Lebensumständen der Frauen resultieren, wird in ihnen auch der Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit sowie Brot und Frieden laut.

Zwischen Aufbruch und Stillstand

Auf die Überbeanspruchung der Frauen während des Weltkrieges folgt nach Kriegsende eine massive Verdrängung der Frauen aus ihrer neu errungenen Erwerbsarbeit. Seit Anfang 1919 werden immer mehr Frauen entlassen oder in vermeintlich frauenspezifische Arbeitsplätze verdrängt, um Platz für die Rückkehr der heimkehrenden Soldaten in ihre zivilen Berufe zu machen. Beseitigt wird damit nicht nur die weibliche Konkurrenz für die Männer. Zurückgenommen wird auch der Emanzipationsschub der ersten Tage der Revolution, wie sich an der Wiederauflage von alten Geschlechterklischees und einer erneuten Etablierung der angeblich natürlichen Hierarchie der Geschlechter zeigt. Die neugewonnenen Freiheiten und Handlungsspielräume bleiben zumeist ungenutzt, werden von manchen Frauen eher als eine Bedrohung oder Belastung empfunden und oftmals widerstandslos aufgegeben. Trotz Erringung des allgemeinen Wahlrechts 1918 bleibt der Anteil der Frauen an revolutionären Aktionen und der politischen Partizipation im Vergleich zu den Männern gering, was nicht zuletzt auf die männlich dominierte Parteienkultur zurückzuführen ist. Auch in den Vereinen, Betrieben und Gewerkschaften stößt die politische Mitbestimmung der Frauen noch immer auf männliche Vorurteile. Damit ist nicht gesagt, dass die Revolution aus Sicht der Frauenemanzipation umsonst gewesen ist. Viele emanzipatorische Forderungen werden erstmals erhoben. Manche von ihnen, etwa das Frauenwahlrecht, gehen unmittelbar in die Verfassung und Gesetze ein, während andere die Spur für kommende Generationen und neue emanzipatorische Kämpfe legen. Die formale politische Gleichberechtigung der Frauen ist nur der Anfang; der Kampf um die wirkliche Gleichberechtigung der Frau auf allen Ebenen beginnt erst.