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Freikorps


Die Bewaffnung der Konterrevolution

Als Freikorps werden paramilitärische Einheiten bezeichnet, die sich aus heimkehrenden und ehemaligen Soldaten und Offizieren sowie ungedienten Freiwilligen und rechtsgerichteten Studierenden zusammensetzen. Manche können nur gegen hohen Sold angeworben werden. Andere wollen das Soldatenleben nicht aufgeben und nicht in ihre zivilen Berufe zurückkehren. Sie teilen die Erfahrung der Niederlage im Ersten Weltkrieg, lehnen die Friedensvereinbarungen ab, teilen antibolschewistische, antifeministische, misogyne und homophobe Ansichten und träumen vom Neuentwurf eines autoritären Staates. Nicht nur lehnen die Freikorps die neue demokratische Regierung mehrheitlich ab. Sie setzen auch den antisemitischen Mythos vom "Verrat an der Heimatfront", dem Vorläufer der "Dolchstoßlegende" in die Welt. Es handelt sich um eine Verschwörungsphantasie, die die von den autoritären Kräften verhasste Sozialdemokratie für die deutsche Weltkriegsniederlage verantwortlich macht und zu einem der zentralen Motive rechter Gesinnung in der Zwischenkriegszeit avanciert. Spätestens während des Kapp-Lüttwitz-Putsches im März 1920 wird das Hakenkreuz auch in Leipzig zum Erkennungszeichen dieser Revolutionsgegner.

Ein verhängnisvoller Pakt mit den Feinden der Republik

Seit dem zweiten Tag der Revolution kommt es zu einem heiklen Pakt zwischen den deutschen Sozialdemokrat*innen unter der Führung des späteren ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert und den Freikorps. Gemeinsames Ziel ist bei aller ideologischen Unvereinbarkeit die Entmachtung der selbstorganisierten Arbeiter- und Soldatenräte. Ihren Ursprung haben diese Räte in der russischen Revolution von 1905. In den Vormonaten der Oktoberrevolution 1917 spielen sie erneut eine wichtige Rolle – allerdings wiederum nur bis zu ihrer Entmachtung. Diese "russischen Wurzeln" polarisieren die Wahrnehmung der Arbeiter- und Soldatenräte in der deutschen Bevölkerung und Politik: während konservativen Kräften in ihnen die Vorboten des "Bolschewismus" zu erkennen glauben, stellen sie für ihre Anhänger, vor allem Unabhängige Sozialdemokrat*innen und Spartakist*innen, eine basisdemokratische Alternative zur parlamentarischen Demokratie dar. Eberts Abneigung gegen die Räte kann neben seinem Interesse am eigenen Machterhalt vor dem Hintergrund einer um sich greifenden, irrationalen Angst vor einer Revolution nach bolschewistischem Vorbild verstanden werden, die es in Deutschland um jeden Preis und notfalls mit Hilfe konterrevolutionärer und autoritärer Kräften zu vereiteln gilt.

Das Freikorps Maercker gegen die letzte Bastion der Revolution in Leipzig

Im Frühsommer 1919 gilt Leipzig als eine der letzten Hochburgen der Revolution, nachdem etliche Arbeiter- und Soldatenräte bereits mit militärischer Gewalt aufgelöst sind. Auf Befehl des Reichswehrministers Gustav Noske, dem selbsternannten "Bluthund" unter den Mehrheitssozialdemokraten, soll General Georg Maercker nun auch die Leipziger Räteverwaltung stürzen. Maercker war in den Jahren 1904 bis 1907 am Völkermord an den Herero und Nama in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, beteiligt. Nichtohne Grund gilt er als "der Städtebezwinger" – mit massiver Militärpräsenz und teils brutaler Gewaltanwendung hat er bereits etliche andere räteverwaltete Städte, darunter Gotha, Eisenach, Erfurt, Halle und Magdeburg, entwaffnet und "befriedet". Anfang Mai marschiert das etwa 15.000 Mann starke Landesjägerkorps mit schwerer Artillerie, Granatwerfern, Kavallerie und sogar einem Sturmpanzerwagen unter der Führung von General Georg Maercker nun auch in Leipzig ein. Weil den Revolutionären klar ist, dass Maercker und seine Truppen keine Rücksicht auf Verluste nehmen werden und der Widerstand gegen eine derartige Übermacht nur zu sinnlosem Blutvergießen führen würde, bleiben größere Proteststreiks aus. Auch die Leipziger Volkswehr lässt sich, anders als die revolutionären Sicherheitswehren in anderen Städten, weitestgehend widerstandslos entwaffnen. In der Folge lässt Maercker den Arbeiter- und Soldatenrat auflösen und führende Mitglieder verhaften. Wie andernorts werden alle kommunistischen Blätter auf Noskes Geheiß verboten und auch die Redaktion der Leipziger Volkszeitung wird vorübergehend geschlossen. Mit der militärischen Besetzung Leipzigs ist die Macht der Räte in ganz Sachsen gebrochen und die letzte Bastion der revolutionären Linken in Deutschland gefallen.

Der Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920

In Reaktion auf die im Versailler Vertrag festgeschriebene Verringerung des deutschen Heeres und die von der Regierung angeordnete Auflösung aller Freikorps unternimmt die nationalistische Rechte einen deutschlandweiten Putschversuch. Zu den Schlüsselfiguren zählen General Walther von Lüttwitz, der ranghöchste Offizier der Reichswehr, sowie der ostpreußische Verwaltungsbeamte und Mitbegründer der völkisch-nationalistischen Deutschen Vaterlandspartei Wolfgang Kapp. Gemeinsam rufen daraufhin Gewerkschaften, Mehrheits- und unabhängige Sozialdemokraten und die Regierung einen reichsweiten Generalstreik aus, der bereits hiervon unabhängig in vielen Städten als direkte Reaktion auf die Nachricht vom Putschbeginn einsetzt. Auch die KPD schließt sich dem Streikaufruf an und es kommt zum größten Generalstreik in der deutschen Geschichte. Nach nur viereinhalb Tagen beenden 12 Millionen Werktätige in ganz Deutschland erfolgreich den Putschversuch, können aber nicht verhindern, dass das Militär nun von der Reichsregierung gegen die Streikenden und Aufständischen vor allem an der Ruhr und im Vogtland eingesetzt wird. Allein in Leipzig sind nach zahlreichen dezentralen Kundgebungen Zehntausende auf dem Weg zu einer Versammlung auf dem Augustusplatz. Putschende Militärs und Angehörige des "Zeitfreiwilligenregiments", darunter viele Studierende der Universität Leipzig, schießen ohne Vorwarnung auf einen der Demonstrationszüge und richten ein Blutbad an, das über 40 Tote und 100 Verletzte fordert. Werktätige und Arbeiterwehren antworten mit Barrikaden und Straßensperren in fast allen Stadtteilen auf das brutale Vorgehen der Putschisten. Der deutschlandweit wehrhafte Widerstand gegen den Putsch erzwingt schnell einen Waffenstillstand, der in Leipzig nicht lange währt: Während viele Menschen der Beerdigung der Opfer der Konterrevolution auf dem Südfriedhof beiwohnen, wird das Volkshaus von Putschisten der Reichswehr in Brand geschossen und gestürmt. Ein vorerst letztes und heimtückisches Aufbegehren gegen die junge Republik und die Verteidiger*innen der demokratisch gewählten, wenn auch nicht allseits beliebten Regierung.