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Ruhe, Sicherheit und Ordnung in der Revolution 1918/19


Unsichere Lage

Die Revolution wird am 9. November 1918 in Leipzig ausgerufen. Doch die Lage in der Stadt erfordert vom örtlichen Arbeiter- und Soldatenrat ein vorsichtiges Vorgehen: Der Winter steht kurz bevor und die Versorgung mit Lebensmitteln und Brennstoffen ist ungewiss. Ausschreitungen und Plünderungen sind eine Gefahr. Der große Umsturz in der örtlichen Verwaltung und Polizei bleibt daher aus. Die Revolutionäre rufen über die Presse zur Besonnenheit auf. Außerdem gründet der Arbeiter- und Soldatenrat bereits Mitte November 1918 einen eigenen Sicherheitsdienst. Mit roten Armbinden gekennzeichnet patrouilliert diese Sicherheitswehr auf Kundgebungen und Demonstrationen und sorgt in der Stadt für Ruhe und Ordnung.

Polizei – Sinnbild der alten Ordnung, notwendig für die neue Ordnung?

Bei Arbeiter*innen gilt die Polizei vor allem als ein obrigkeitsstaatliches Instrument, vormals auch zuständig für die Kontrolle und Bekämpfung sozialdemokratischer Politik. Die politische Abteilung der Leipziger Polizei löst der Leipziger Arbeiter- und Soldatenrat daher bald auf, ähnlich wie dies auch in anderen Städten des Deutschen Reiches geschieht. Doch 1918/19 gibt es aufgrund der Furcht vor Not und Unruhen kaum weitergehende Eingriffe. Der Leipziger Polizeidirektor Friedrich Louis Wagler bleibt bis zum Frühjahr 1919 im Amt, ebenso wie die meisten Polizisten im Dienst bleiben. Die Revolutionäre beschränken sich auf die Kontrolle der Polizei. Der Arbeiter- und Soldatenrat entsendet Johann Scheib, um die Geschäfte des Polizeidirektors zu kontrollieren und unterstellt die Schutzpolizei, verantwortlich für den Polizeidienst auf der Straße, dem eigenen Sicherheitsdienst. 1919 wird der Einfluss des Arbeiter- und Soldatenrates wieder zurückgebaut, umfassende Polizeireformen werden erst Anfang der 1920er Jahre erfolgen.

Selbsthilfeversuche der Leipziger Bevölkerung

Die revolutionäre Situation soll keinesfalls in Chaos umschlagen, da unmittelbar das Wohl und Leben von Menschen in Leipzig von der Aufrechterhaltung der Sicherheit und Versorgung abhängt. Sowohl im Bürgertum als auch bei den Arbeiter*innen gibt es verschiedene Initiativen, um Gruppen aufzustellen, die neben der Polizei für Ruhe, Sicherheit und Ordnung sorgen sollen. Vergleichbare Entwicklungen gibt es auch in den anderen Gemeinden und Städten des Deutschen Reiches.

Im Dezember 1918 bildet sich überwiegend aus Studierenden der Universität eine sogenannte „Weiße Garde“, die im Sinne des Bürgertums Schutz für Eigentum und Personen gewähren soll. Die Bürger*innen können durch die Revolution nicht nur politische Vorrechte verlieren, ganz konkret ist die Angst vor Plünderungen bürgerlichen Besitzes, vor Sachbeschädigungen und Gewalt.

Die Volkswehr, deren Bildung der Leipziger Arbeiter- und Soldatenrat im März 1919 anstrebt, verfolgt dagegen bereits andere Ziele als nur die Bewahrung der Ruhe und Sicherheit. Die Volkswehr ist ein Versuch der Revolutionäre, die Revolution weiter zu treiben und die Idee einer sozialistischen Republik zu verwirklichen. Weil die Stadt im Frühsommer 1919 als eine der letzten Hochburgen der Revolutionäre gilt, die mit ihrem Rätesystem eine politische Alternative zu der mehrheitssozialdemokratisch forcierten politischen Entwicklung hin zu einer parlamentarischen Republik darstellt, droht die Besetzung durch einen Freikorpsverband unter General Maercker. Die Volkswehr soll auf Abruf bereit sein, um die Stadt notfalls mit Waffengewalt zu verteidigen. Anfang Mai 1919 marschiert das Landesjägerkorps unter Maercker tatsächlich in der Stadt ein, Widerstand schlägt ihnen jedoch nicht entgegen. Die Bildung der Leipziger Volkswehr ist kaum über die erste Idee hinausgekommen. Zu zögerlich haben sich Freiwillige gemeldet, zu abschreckend ist das harte Vorgehen der Freikorps in anderen Städten, wie zum Beispiel Halle.