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Die Ausrufung des Freistaats Sachsen


Die Ausrufung des Freistaats Sachsen im Zuge der 1918 ausbrechenden Revolution verwirklicht, was sächsische Arbeitskräfte zuvor jahrzehntelang fordern. Diese prägen in demokratischer und sozialistischer Selbstorganisation entscheidend den Weg der deutschen Arbeiter*innenbewegung zur sozialdemokratischen Massenpartei, angefangen mit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins 1863 in Leipzig, maßgeblich betrieben von Ferdinand Lassalle, und der linksliberal-sozialistischen Sächsischen Volkspartei 1866 in Chemnitz, u.a. durch Wilhelm Liebknecht und August Bebel, mündend in einer der größten politischen Parteien ihrer Zeit und in einer Gegenkultur, die mit ihren vielfältigen Vereinen und Initiativen die meisten Arbeitskräfte erfasst, bildet und ermächtigt.

Krieg und Revolution

Ab 1916 protestieren nicht nur in Sachsen vor allem Frauen und Jugendliche gegen Hunger und Krieg, ab 1917 wird mehrmals gestreikt. Die ersten Räte bilden sich als Streikleitungen, da SPD-Führung und Gewerkschaften nun als Teil des Staatsapparats gegen Streikende hetzen. Ab Sommer 1918 verlassen massenhaft Arbeiter*innen die SPD und treten zur USPD über. Es gibt wilde Streiks im Bergbau und am 14. September eine Hungerdemonstration von 20.000 Menschen in Dresden.

Die Revolution beginnt in Sachsen am 6. November mit der Meuterei einer Fliegerkaserne in Großenhain. Der Vereinigte Revolutionäre Arbeiter- und Soldatenrat von Dresden ruft am 10. November den Freistaat aus und hisst eine rote Fahne auf dem Residenzschloss. Der König dankt drei Tage später mit den Worten ab: „Dann macht doch euern Dreck alleene!“ In seiner ersten Regierungserklärung "An das sächsische Volk!" stellt der Rat den Freistaat in den Rahmen der „Epoche des Übergangs von der kapitalistischen in die sozialistische Gesellschaftsordnung“ und einer „einheitlichen deutschen Volksrepublik“. Er verkündet die Trennung von Kirche und Staat, den Achtstundentag und verspricht die „Beseitigung jedes auf Ausbeutung beruhenden Einkommens“.

Kämpfe um Räte und Sozialisierung

Während reichsweit die de-facto regierende SPD-Führung die Räte in den folgenden Monaten durch politische Manöver und schließlich immer brutalere militärische Gewalt entmachtet und die geforderte Vergesellschaftung der Großbetriebe verschleppt, beteiligen sich sächsische Arbeitskräfte von den Großstädten bis in Dutzende Kleinstädte an Protesten und Streiks dagegen, so etwa in Reaktion auf das Massaker vom Wettiner Platz in Dresden am 10. Januar 1919, als bei einer friedlichen Massendemonstration vor der Druckerei der sozialdemokratischen „Dresdner Volkszeitung“ 14 Demonstrant*innen erschossen und über 50 verletzt werden.

Abwehr des Kapp-Lüttwitz-Putsches

Als zu Beginn des konterrevolutionären Kapp-Lüttwitz-Militärputsches im März 1920 wieder 40 Protestierende in Leipzig und 60 in Dresden durch Schüsse in die Menge massakriert werden, treten die sächsischen Arbeitskräfte nicht nur mit in den Generalstreik ein, sondern es wachsen auch die Anstrengungen, sich wieder selbst zu bewaffnen und den Ausnahmezustand zu brechen, der seit einem Jahr nur mit kurzen Unterbrechungen in weiten Teilen des Reiches bestanden hatte.

In Chemnitz werden die Zeitfreiwilligen der Reichswehr entwaffnet, politische Gefangene befreit und eine Arbeiterwehr aufgestellt. In Plauen umzingeln Arbeiter*innen Reichswehr-Lkws und beschlagnahmen die Waffen. In Leipzig kesseln Arbeiter*innen unter andauernden Feuergefechten die Reichswehr und Zeitfreiwilligenverbände in einer Kaserne und in der Universität. Die Arbeiter*innen bauen Barrikaden und bewaffnen sich durch Hausdurchsuchungen bei Zeitfreiwilligen und in Studentenverbindungshäusern, zusätzlich kommen Waffen aus Halle und den Gewehrfabriken in Suhl. Selbstbewaffnung und Entwaffnung von Putscheinheiten und Einwohnerwehren gelingt u.a. in Borna, Frankenberg, Hermsdorf, Hohenstein-Ernstthal, Mügeln (der heutige Teil von Heidenau), Oschatz, Pirna, Riesa, Wurzen und Zeithain.

Nach dem Putsch: Terror

Auch wenn der Putsch selbst durch den reichsweiten Generalstreik von mehr als zehn Millionen und die militante Gegenwehr von Tausenden vereitelt werden kann, ist der Erfolg von kurzer Dauer. Viele der Putschtruppen werden wie 1919 sofort von der Reichsregierung gegen die streikenden und aufständischen Arbeitskräfte eingesetzt. Für Dutzende spätere Nazis ist die Teilnahme an diesen Gewaltexzessen, denen im Auftrag der Regierung Tausende zum Opfer fallen, prägend. Nach der Rückeroberung des Ruhrgebiets durch die Reichswehr werden zuletzt Anfang April die Roten Garden um Max Hoelz aus dem Vogtland vertrieben. In manchen Städten bleiben die Arbeiter*innen jedoch noch monatelang bewaffnet, so in Pirna. USPD und seit 1919 die kommunistische KPD wachsen und gehen nun mehr und mehr zusammen, brechen aber über die Frage der Orientierung an den Bolschewiki wieder auseinander. 1921 erfassen die Märzkämpfe in Mitteldeutschland auch Sachsen.

Das Ende der Revolution

Zum Ende kommt die Revolution erst im Herbst 1923, als die gewählte Landesregierung aus SPD und KPD, die sich als Bollwerk gegen die immer deutlicher faschistische Konterrevolution versteht, durch die einmarschierende Reichswehr abgesetzt wird. Der geplante letzte Aufstand für die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und die Entmachtung des Militärs wird zwar abgesagt, doch kommt es zu Einzelaktionen und Streiks, die von der Reichswehr gewaltsam unterdrückt werden.